Geschichte Westpreußens

von Hans-Jürgen Schuch

Geschichte und Landschaft von Westpreußen

Westpreußen ist das Land zu beiden Seiten der unteren Weichsel. Es wurde vom Deutschen Orden erschlossen, der Burgen baute, Städte und Dörfer gründete. Westpreußen entstand aus preußischen und pommerellischen Landschaften und Herrschaftsgebieten. Dieses Land war von 1772 bis 1920 eine preußische Provinz, die im Westen an Pommern, im Osten an Ostpreußen und im Süden an Posen grenzte.

Die Landschaft ist geprägt durch die Weichsel, ihren Mündungsarm Nogat, zahlreiche andere Flüsse und viele Seen. Von Südosten kommend, bahnt sich die Weichsel über Thorn, Kulm, Neuenburg, Mewe und Dirschau bei Danzig den Weg zur Ostsee. 232 Kilometer lang durchfließt der Strom Westpreußen. Die Nebenflüsse Brahe, Schwarzwasser, Montau, Ferse und Mottlau münden von Westen, Drewenz, Ossa und Liebe von Osten kommend in die Weichsel. Im westlich der Weichsel gelegenen Pommerellen befinden sich die einst 2500 Quadratkilometer große Tucheler Heide und die Kaschubische Schweiz mit dem 331 Meter hohen Turmberg.
 
Östlich des Stromes reicht der Preußische Landrücken und Pomesanien bis fast an die Weichsel, Pogesanien bis an das Frische Haff heran, dessen höchste Erhebung mit 197 Metern der Butterberg bei Elbing ist. Zwischen Danzig, Dirschau, Marienburg und Elbing befindet sich das Weichsel-Nogat-Delta. Dort liegt das Land bis zu 1,8 Metern unter dem Meeresspiegel. Das ist das Gebiet der drei Werder. Westlich der Weichsel liegt das Danziger Werder, östlich das Marienburger Werder, unterteilt in das Große Marienburger Werder zwischen Weichsel und Nogat und das Kleine Marienburger Werder östlich der Stadt zwischen Nogat und Drausensee. Das Elbinger Werder reicht von der Nogat bis vor die Stadt Tiegenhof.
 

Westpreußen 1912

Westpreußen 1912

Die Weichsel fließt bei Thorn in einer Höhe von etwa 35 Metern in Richtung Ostsee. Bei Graudenz sind es nur noch knapp 20 Meter. Der dort an der rechten Seite aufsteigende Festungsberg erreicht eine Höhe von 85 Metern. Östlich davon erstreckt sich zwischen der Ossa im Norden und der Drewenz im Süden das Kulmer Land. Es ist eine hügelige Landschaft, etwa 80 bis 110 Meter hoch, mit vielen Seen und von gewaltigen Schluchten, ‚Parowen‘ genannt, durchzogen. Nördlich davon, in Pomesanien, wird eine Höhe – z. B. bei Gilwe, nahe der Kreisgrenze zwischen Marienwerder und Rosenberg – von 127 Metern gemessen. Das ist keine Gebirgslandschaft, aber ein Land, das bei Normal Null beginnt und dessen Höhenunterschiede vom Besucher deutlich empfunden werden.
 
An der Grenze zu Pommerellen, aber noch zur Landschaft Kujawien gehörend liegt die Stadt Bromberg an der Brahe im Thorn-Eberswalder Urstromtal, das an dieser Stelle besonders breit ist. Hier floß zur Eiszeit die Weichsel nach Westen. Friedrich der Große ließ die Brahe durch einen Kanal mit der Nahe verbinden. Das war im Osten der Beginn, die vier preußischen Stromgebiete Weichsel, Oder, Elbe und Rhein miteinander zu verbinden.
 
Mit Zustimmung von Kaiser und Papst begann im frühen 13. Jahrhundert der von Herzog Konrad von Masowien ins benachbarte Kulmer Land gerufene Deutsche Orden die Gründung des Deutschordensstaates Preußen. Dadurch wurde das im späteren Westpreußen gelegene Kulmer Land zur Keimzelle dieses für die damalige Zeit sehr fortschrittlich gegliederten und verwalteten Staates, in dem es neben dem unmittelbaren Herrschaftsgebiet des Deutschen Ordens auch weltliche Territorien der Bischöfe und deren Domkapitel gab. Nach der Ordensherrschaft ab 1454/1466 und bis zur Zugehörigkeit zum Königreich Preußen ab 1772/1793 war das westliche Preußenland ein Ständestaat unter der Oberhoheit der Krone Polen, in dem die großen Städte Thorn, Elbing und besonders Danzig die Stellung von Stadtrepubliken einnahmen.

Die Wiedervereinigung der beiden 1466 getrennten altpreußischen Landesteile war für Friedrich II. von Preußen im Jahre 1773 der Anlaß, die Namen Westpreußen dem westlichen und Ostpreußen dem östlichen Landesteil zu verleihen. Hauptverwaltungssitz wurde 1772 die Stadt Marienwerder mit Verwaltung und Gericht.
 

Marienwerder
Marienwerder
Danzig
Danzig vom Bischofsberg

 
Der eingeschränkt selbständige Netzedistrikt mit Sitz in Bromberg war Marienwerder unterstellt.

 

Danzig wurde bei der Verwaltungsneuordnung 1815 Provinzialhauptstadt von Westpreußen.
 
Stich von Danzig 
 
  
Die Provinz war in die beiden Regierungsbezirke Danzig und Marienwerder eingeteilt.
 

Regierungsbezirke der Provinz Westpreußen, 1906

Karte der Provinz Westpreußen 1906 
 
 
Der ehemalige Netzedistrikt wurde dem neuen Großherzogtum Posen – seit 1830 Provinz Posen – zugeteilt. Im Jahre 1910 war die Bevölkerung Westpreußens zu 65 Prozent deutsch, zu 28 Pozent polnisch und zu 7 Prozent kaschubisch. Diese Zahlen wurden durch das Ergebnis der Wahl zur Nationalversammlung von 1919 bestätigt.
 
Danzig erhielt 1920 gegen den erkennbaren Willen der Bevölkerung den Status einer Freien Stadt.
 

Gebiet der freien Stadt Danzig

 
Gebiet der Stadt Danzig 
 
Es wurde unter den Schutz des Völkerbundes gestellt und mit einem erweiterten Hinterland ausgestattet. Die im Westen gelegenen Kreise Deutsch Krone und Schlochau sowie der Restkreis Flatow wurden 1922 Teil der neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen und ab 1938 des gleichnamigen Regierungsbezirks in der Provinz Pommern. Sechs östlich der Weichsel gelegene Kreise bildeten von 1922 bis 1939 den Regierungsbezirk Westpreußen in der Provinz Ostpreußen mit Sitz in Marienwerder. In vier dieser Kreise war zuvor am 11. Juli 1920 eine unter interalliierter Aufsicht stehende Volksabstimmung durchgeführt worden, bei der sich mehr als 92 Prozent der Bevölkerung für ein Verbleiben bei Deutschland ausgesprochen hatten.
 

Die west- und ostpreußischen Abstimmungsgebiete, 1919/1920

 
Abstimmungsgebiete 
 
Der flächenmäßig gößte Teil der Provinz mit den historischen Städten Thorn, Kulm, Graudenz, Schwetz, Konitz und Dirschau wurde ohne Befragen der Bevölkerung vom Deutschen Reich abgetrennt und als „Korridor" Teil der neuen Republik Polen. Von 1939 bis 1945 bildeten – bis auf die zu Pommern gelangten Provinzteile – alle übrigen Stadt- und Landkreise Westpreußens zusammen mit den schon nach 1772 zur Kammer Marienwerder gehörenden Kreisen Bromberg-Stadt und -Land sowie Wirsitz den Reichsgau Danzig-West-preußen mit der Hauptstadt Danzig. Er wurde für Verwaltungszweckein die Regierungsbezirke Bromberg, Danzig und Marienwerder gegliedert.
 
Neben einer intensiven Landwirtschaft mit z. B. einer stark ausgeprägten Zuckerindustrie verfügte das Land über ansehnliche Industrien. Schiffbau, Maschinenbau, Holz- und Tabakverarbeitung wurden weit über die Provinz hinaus bekannt oder erlangten sogar Weltgeltung. Die F. Schichau AG, Elbing z. B. beschäftigte 1944 an ihren drei Schiffbauplätzen Elbing, Danzig, dem ostpreußischen Königsberg und in der Maschinen- und Lokomotivenfabrik Elbing rund 44000 Menschen und hatte im Laufe der Jahrzehnte Schiffe in alle Erdteile geliefert.

 


Die Genehmigung zur Veröffentlichung der Karten erteilte uns:

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